Montag, 27. Oktober 2014

"Wovon sie besonders schwärmt..." - Ribollita



Schreibt einen Foodblog - und nichts ist mehr wie früher!
Während ich bei früheren Besuchen von Florenz atemlos durch Kirchen und Museen streifte, immer wieder überwältigt von der mit Kunstschätzen so gesegneten Stadt am Arno, darüber das Essen und Trinken vergaß, trage ich heute Tüten mit Kohlgemüse durch die Gassen! 
Ich steuere am Morgen den Mercato Centrale an, nicht etwa die Uffizien. Ich möchte über Ribollita schreiben und halte dafür ein Schwätzchen mit der Marktfrau. So ändern sich die Interessen. Mir fällt dabei ein lang zurückliegender Besuch ein, bei dem ich mit der Direktorin des Opificio delle Pietre Dure über die komplizierte Arbeit des Restaurierens gesprochen hatte, um darüber zu berichten. 
In der Stadt der Renaissance, dieser wundervollsten aller italienischen Städte, sinniere ich nun über ein Eintopfgericht nach! 
Nach einem spartanischen Frühstück geht es zum Mercato Centrale, natürlich nicht ohne einen Schlenker zu Ghirlandaios "Cenacolo" bei der Kirche "Ognisanti" und einem Kurzbesuch in Santa Maria Novella, um dort Masaccios "Trinità", jenes für die Entwicklung der Zentralperspektive so bedeutende Werk, zu bewundern. Da kann ich nicht anders, mich hätte mein schlechtes Gewissen allzu sehr gedrückt, würde ich diese Schätze dieses Mal schnöde links liegenlassen. Ribollita hin oder her!



Trotzdem, ich will schnell zum Markt, jenen überdachten Markhallen, die übrigens vom Architekten der Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand entworfen wurden: Giuseppe Mengoni. Ein paar wenige Jahre lang war Florenz übrigens Hauptstadt des Königreichs Italiens - man spricht hier von der Epoche des Risanamento di Firenze. Zu dieser Zeit entstanden diese Markthallen (1870-1874),


Auf zwei Ebenen findet der Feinschmecker hier alles, aus was sich die typisch toskanische Küche zusammensetzt. Dass in dieser Region fleischlastig gekocht wird, ist nicht zu übersehen. Zahlreiche Metzgerläden bieten Unmengen von Fleisch in riesigen Stücken dar. Sensiblen veganen Gemütern ist wahrscheinlich nur schwer der Anblick von Innereien und Kuhnasen zuzumuten, die man dort in den Auslagen findet. Auch ich muss kurz schlucken.





Die ungekrönte Spezialität dieser Markthallen, Trippa alla Fiorentina, wird für die beim Einkauf hungrig geworde Kundschaft an pittoresken Ständen angeboten. Denn was dem Berliner seine Curry-Wurst und dem Münchner seine Leberkässemmel, das sind dem Florentiner seine Kutteln.



In der oberen Ebene hat sich das Edelkaufhaus für italienische Spezialitäten "Eataly" niedergelassen, mit Läden und schicken kleinen Restaurants. Während unten vorwiegend die Einheimischen einkaufen - man hört es am Dialekt, der jedes "c"  in ein gehauchtes "h" verwandelt -, sieht man im oberen Stockwerk auch viele ausländische Besucher, die ihre Museumstour für einen Ausflug in die Welt der toskanischen Küche unterbrechen.




Trotzdem, auch hier gibt es viele, meist junge Florentiner, die zur Mittagszeit einen kleinen Snack zu sich nehmen.
Zurück im Untergeschoss suche und finde ich letztlich meine entscheidende Zutat für die Ribollita: Cavolo nero  -  der berühmte schwarze Kohl aus der Toskana.
Hier noch ein paar weitere Impressionen von der Markthalle:










Beim Marktstand auf dem Foto oben kaufe ich den Cavolo Nero. Dazu lasse ich mir gleich noch einen halben Wirsingkopf packen, in einem anderen Markt erstehe ich noch ein Päckchen getrocknete Cannellini-Bohnen, auch diese unentbehrlich in der toskanischen Küche, und kann danach entspannt mein Florenzprogramm angehen, das nun wieder ganz im Zeichen der Kunst steht.







Mir stehen nur wenige Stunden dieses Mal zu Verfügung, und ich verlasse die Stadt nie, ohne den wunderbaren Fresken von Giotto in Santa Croce einen Besuch abzustatten. Zu Unizeiten habe ich einmal eine Arbeit über den Freskenzyklus mit Szenen aus dem Leben des Hl. Franziskus in der Bardi-Kapelle geschrieben, und die dargestellten Figuren sind mit der Zeit so etwas wie alte Bekannte für mich geworden, die man wenigstens kurz grüßen muss.




Jetzt aber wieder zu profaneren Dingen: Für die merklich sinkenden Temperaturen ist dieser toskanische Gemüseeintopf wie ein wärmender Schal von Innen. Ein wärmender, wenn auch wenig ansehnlicher Schal allerdings. Wenn der Wind in der kalten Jahreszeit durch die Gassen der oft auf einem Cucuzzolo (Hügelspitze) gelegenen Borghi (befestigtes Dorf) pfeift, gibt es nichts besseres! Eigentlich ist die Ribollita gänzlich Food-Blog-ungeeignet, da das Ergebnis alles andere als fotogen ist. Und ein Arme-Leute-Gericht mal wieder. Eines, bei dem auch das letzte Stückchen trocken Brot zur Verwendung kommt.
"Pane di un giorno e vino di un anno (einen Tag altes Brot und ein Jahr alter Wein)", sagt man in der Toskana.
Natürlich besorge ich mir auch ein Stückchen salzloses toskanisches Brot in Florenz, denn meine Ribollita soll ja möglichst authentisch werden. Das Wort Ribollita bezieht sich auf die Gewohnheit, den Gemüseeintopf noch einmal aufzukochen, dann das trockene Brot darin zu versenken, so dass es wieder genießbar wird.
Am Tag der Zubereitung schmeckte die Ribollita schon richtig gut, aufgewärmt am nächsten Tag aber noch sehr viel besser!
Um es mit der Witwe Bolte zu sagen: 
"Wovon sie besonders schwärmt, wenn er wieder aufgewärmt".



Zutaten

200 g getrocknete Cannellini-Bohnen
1 Knoblauchzehe
1 große Zwiebel
2 Karotten
2 Stangenselleriestangen
1/2 Wirsingkopf
300 g Schwarzkohl (Cavolo Nero) 
3 Tomaten (wenn möglich San Marzano)
1 kleines Sträußchen glatte Petersilie
30 g Basilikum
Olivenöl extra vergine
Salz, frisch gemahlener Pfeffer
1 Prise getrocknete Nepitella/Mentuccia (Bergminze)
ein paar Scheiben trockenes, wenn möglich salzloses toskanisches Brot

Die Bohnen in einem Sieb abbrausen, dann in kaltem Wasser ungefähr 12 Stunden einweichen.
Wasser wegschütten und die Bohnen, mit frischem Wasser bedeckt, ca. 45-60 Minuten mit der geschälten Knoblauchzehe köcheln lassen. Wenn die Bohnen weich sind, die Hälfte davon mit etwas Kochwasser (dieses unbedingt aufheben) durch ein Passiergerät drehen. Bohnenpüree, ganze Bohnen und Kochwasser zur Seite stellen.
Kohlsorten waschen und von Strünken befreien. In breitere Streifen schneiden.
Die Zwiebel in Würfel, Stangensellerie und Karotten in grobe Stücke schneiden. Olivenöl in einem großen Topf erhitzen und Zwiebel-, Sellerie- und Karottenwürfel anschwitzen.
Die in breite Streifen geschnittenen Kohlsorten mit einer Tasse heißem Wasser hinzufügen und ohne Deckel eine Viertelstunde köcheln lassen.
In der Zwischenzeit Tomaten mit heißem Wasser übergießen, häuten und in Würfel schneiden. Petersilie und Basilikumblätter waschen und trockenschleudern. Petersilie fein wiegen, die Basilikumblätter in Streifen schneiden.
Nach der Viertelstunde Tomaten und Kräuter zu dem Kohl geben, salzen, pfeffern und eine Prise Nepitella zufügen. Nochmal eine Tasse heißes Wasser nachgießen und alles zugedeckt eine halbe Stunde köcheln lassen. 
Nach dieser Zeit das Bohnenpuree und noch etwas von dem Bohnenkochwasser zum Kohl geben und zugedeckt eine weitere Stunde köcheln lassen. Wenn nötig etwas Wasser dazugeben.
Zum Schluss die ganzen Bohnen unter den Eintopf  mischen und diesen nochmal mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Brotscheiben in den Tellern verteilen und den heißen Eintopf darüber geben. Mit etwas Olivenöl beträufeln.

Einkaufstipp:
Mercato Centrale Firenze, Piazza del Mercato Centrale - Via del'Ariento. 50123 Firenze,
http://www.mercatocentrale.it/





tierfreitag


♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Mit ein wenig "Schnickschnack": Lauchquiche



Wenn die Temperaturen sinken, liebe ich herzhafte Kuchen. Sie lassen sich gut vorbereiten, man schiebt sie in den Ofen und kann während des Backens die Küche schon mal aufräumen, so dass einem entspannten Genuss nichts im Wege steht.
Soll es ganz schnell gehen, weil wieder einmal Zeit oder Lust fehlen oder die Quiche gar in einer Spontanaktion gebacken werden soll, greife ich auch schon mal zu fertigem Blätterteig, obwohl mir ein klassischer, selbstgemachter Mürbeteigboden in der Regel lieber ist. Auch ein salziger Quark-Öl-Teig passt hervorragend zu dem folgenden Belag aus Lauch, Pancetta und Käse; auf einem solchen Boden hatte ich in der Vergangenheit meine Lauchquiches "gebettet".
Wenn da nur nicht dieses verführerische Foto mit den Blätterteig-Röschen  gewesen wäre. Gesehen hatte ich diese Idee in der Oktoberausgabe von "La Cucina Italiana". 

 

Zusätzlich habe ich die Blätterteigröschen noch mit geriebenem Käse gefüllt - alles ist kalorientechnisch ausbaufähig!
Trotzdem: Beim nächsten Mal gibt es wieder die Mürbeteig- oder Quark-Öl-Teig-Version - ganz ohne Schnickschnack. Aber weil Schnickschnack manchmal auch so hübsch aussieht - und für alle, die auch mal nur wenig Zeit und Lust zum Kochen oder Backen haben - hier die Lauchquiche mit den Blätterteig-Röschen:





Zutaten
(für eine Quicheform von 28 cm Ø)


3 Stangen Lauch (nur das Weiße
160 g Fontina, frisch gerieben (ersatzweise Gruyère)
100 g Pancetta affumicata (ital. geräucherter Bauchspeck) in dünnen Scheiben
200 ml süße Sahne
2 Eier
1 Eigelb und ein wenig Milch
2 El Mohnsamen
Butter für die Form
Salz, frisch gemahlener Pfeffer
frisch geriebene Muskatnuss
2x230 g Blätterteig (aus dem Kühlregal, rund ausgerollt)

Lauch putzen und in Ringe von einem halben Zentimeter schneiden. In kochendem Salzwasser drei Minuten blanchieren, abgießen und kalt abbrausen.
Die Pancetta in feine Streifen schneiden und ich einer beschichteten Pfanne kross ausbraten und abkühlen lassen.
Den Backofen auf 180 Grad (Ober- und Unterhitze) vorheizen.
Sahne mit den Eiern und 130 g geriebenem Käse verrühren, Lauch und Pancetta untermischen. Mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss abschmecken.
Eine Quicheform mit etwas Butter einfetten und mit einer Lage Blätterteig auslegen. Den Boden ein paar Mal mit einer Gabel einstechen. Die Lauchmischung (sie sollte möglichst schon abgekühlt sein) auf den Boden geben.
Die zweite Blätterteigplatte (ideal wäre eine rechteckige, ich hatte leider nur eine zweite rund ausgerollte Platte) mit dem Eigelb, das ich mit wenig Milch verquirlt hatte, bestreichen. Den restlichen Käse und den Mohnsamen auf den Blätterteig streuen und die Platte aufrollen. Mit einem Messer in Scheiben schneiden und diese auf der Quiche verteilen.
Die Quiche ca. 45 Minuten im Ofen backen.



♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Freitag, 17. Oktober 2014

Mit den Gaben des Herbstes: Maltagliati alla salvia con sugo di castagne, zucca e pomodorini



In den zwanzig Jahren, in denen ich nun in der italienischen Hauptstadt lebe, habe ich noch nie so warme, ja fast heiße Temperaturen im Oktober erlebt. Auch wenn das Wetter in Rom nicht der Jahreszeit entspricht, zeigt sich dennoch der Herbst immer hartnäckiger auf dem Teller.
Mit luftigen Sommerkleidern, nackten Füssen in den Sandaletten und Sonnenschutzcrème auf der Haut ziehe ich jeden Tag los und packe herbstliches Gemüse in mein Einkaufskörbchen - eine ungewöhnliche, aber reizvolle Kombination!
Ob ich eine kleine Herbstpasta-Reihe zusammenstellen kann, ähnlich meiner Spaghettini-Serie des vergangenen Sommers, kann ich nicht versprechen - zu viele kleinere Reisen stehen in diesem Jahr noch an. Aber ich versuche mal, einen Anlauf zu nehmen.






Zutaten
(für drei bis vier Personen)

Pasta

150 g Mehl
50 g Hartweizengrieß (Semola di grano duro rimacinata)
2 Eier
wenige Tropfen Olivenöl extra verging
eine Prise Salz
ca. 7 große Salbeiblätter

Mit den Zutaten nach meinem Grundrezept einen Pastateig herstellen. Dabei die fein zerkleinerten Salbeiblätter einarbeiten.


Nach der Ruhezeit Pastateig dünn ausrollen und mit einem Teigrädchen in Bahnen schneiden. Sie dürfen gerne unregelmäßig  sein; es sind ja Maltagliati.




Sugo

200 g Esskastanien (Maronen)
200 g Kürbisfleisch
1 kurzes Stück Stangensellerie aus dem Herz
160 g Kirschtomaten
1 Schalotte
1 Peperoncino
10 Zucchiniblüten
100 bis 150 ml Marsala (oder Weißwein)
Olivenöl extra vergine
Salz, frisch gemahlener Pfeffer
ein paar Rosmarinnadeln

Die Kastanien eine Stunde in kaltem Wasser einweichen. Den Backofen auf 200 Grad vorheizen und die Kastanien kreuzweise einritzen. Auf das heiße Backblech geben und ungefähr 15 Minuten im Ofen lassen. Dann die Kastanien mit einem feuchten Küchenhandtuch abdecken. Schälen.
Schalotten schälen und fein würfeln, ebenso den Stangensellerie und das Kürbisfleisch würfeln. Peperoncino entkernen und ebenfalls fein hacken.
Das Stielende der Zucchiniblüten wegschneiden und den Stempel entfernen. Der Länge nach in Streifen schneiden. Rosmarinnadeln abstreifen und fein hacken.
Die Kirschtomaten waschen und anpieksen (damit sie nicht aufplatzen).






Olivenöl in einer Pfanne erhitzen und Schalotten- und Kürbiswürfel sowie den Stangensellerie und den gehackten Peperoncino andünsten. Salzen und pfeffern, gehackte Rosmarinnadeln hinzufügen und etwas Marsala angießen. Nach etwa fünf Minuten die Kirschtomaten und die Zucchiniblüten mit in die Pfanne geben. Weitere 10 Minuten dünsten, dabei nach und nach den Marsala hinzugießen. Die Kürbisstücke sollten weich werden, aber noch "Biss" haben. Zum Schluss die zerbröselten Kastanien zum Sugo geben.
Pasta al dente kochen (ca. 3-4 Minuten) und in der Pfanne mit dem Sugo mischen.




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♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

Dienstag, 14. Oktober 2014

"Die Artischocke ist weder eine Frucht noch ein Gemüse. Sie ist eine Blume, und was für eine!": Carciofi alla Giudia



Cantuccini, die beliebten Biscotti aus der Toskana, müssen, wie der Name schon sagt, zweimal gebacken werden. Carciofi alla guidia - Artischocken auf jüdische Art - werden dagegen zweimal frittiert. Nur auf diese Weise bekommen sie ihre typische Form, die an eine Blüte erinnert.

Tafel bei meinem Gemüsehändler:
 "Die Artischocke ist weder eine Frucht noch ein Gemüse. Sie ist eine Blume, und was für eine!"

Kaum ein römisches Restaurant, das lokale Traditionen hochhält, kommt ohne Artischockengerichte auf der Speisekarte aus. Natürlich nur, wenn die Saison dafür gekommen ist, und wie ein Gang über den Campo de' fiori heute verriet, sind wir nun mittendrin.
Aus den kleinen Carciofi Romanesco, die nur wenig bis gar kein Heu in ihrem Innern verbergen, bereitet man in Rom zwei der typischsten Gerichte der italienischen Hauptstadt zu: Carciofi alla Romana, die ich bereits vorstellt habe, und die knusprigen Carciofi alla giudia. Ich kann mich schwer entscheiden, welche ich davon lieber mag.  Artischocken gehören zu meinem Lieblingsgemüse, gerne auch als Begleitung zu Pasta, wie hier bei diesen Tortelli. Früher kannte ich Artischocken nur als Vorspeise, bei der man die fleischigen Blätter aus der Knolle herauszupft, diese in einer Mayonnaise oder Vinaigrette versenkt und dann mit Hilfe der Zähne abstreift. Appetitlich fand ich diese Angelegenheit nie.
Heute möchte ich zeigen, wie man die Artischocken auf jüdische Art zubereitet, und dafür nehme ich Euch einfach mal mit auf meinen Markt und weiter bis zum römischen Ghetto.
Ich habe sie oft im Restaurant schon gegessen, diese wunderbar knusprigen Artischocken mit den durch das Frittieren chipsartigen Blättern, mich aber noch nie an die Zubereitung getraut.
Manchmal ist es seltsam, wie ein Blogpost entsteht. Ich wachte am Morgen auf, und noch im Halbschlaf dachte ich: Heute gibt es Carciofi alla Giudia!
Denn ein Blog aus Rom, der sich der Kulinarik widmet, ohne diese Spezialität, ohne diesen Triumph der römischen Küche je präsentiert zu haben, ist eigentlich undenkbar!
Also am Vormittag zum Markt, nach Artischocken Ausschau halten - und sich diese gleich küchenfertig vorbereiten lassen. Das Zurechtschneiden der Artischocken überlasse ich nämlich den Spezialisten, und mein Obstverkäufer, ein junger Mann aus San Salvador, putzt flink und geschickt darauf los.*




Viele Spezialitäten der römischen Küche haben nicht nur in den Gerichten des sogenannten Quinto Quarto (wörtlich: fünftes Viertel), also der Fleischteile, die Schlachthausarbeiter als Teil ihres Lohns mit nach Hause nehmen durften, ihren Ursprung, sondern stehen auch in jüdischer Tradition. In Rom befindet sich das zweitälteste Ghetto der Welt, nur rund 30 Jahre entstanden nach dem noch älteren in Venedig, das sich im 14. Jahrhundert entwickelt hatte.
Es gibt einige etymologische Theorien, wie die Bezeichnung "Ghetto" für jüdische Viertel entstanden ist. Ganz sicher geht es auf den venezianischen Ausdruck "Gheto" zurück, der nach dem Stadtteil benannt ist, in dem sich die Gießereien der Lagunenstadt befanden. Gettare ist das italienische Wort für "gießen" - und richtig: das fehlt doch ein "h"!
Man nimmt an, dass das auf die falsche Aussprache des Wortes durch die deutschstämmigen jüdischen Handwerker und Arbeiter, die damals in Venedig in den Gießereien arbeiteten, zurückzuführen ist. Anders als im Italienischen sprachen sie das "ge" wie geschrieben aus, also wie zum Beispiel beim Wort "Gesicht". Gettare spricht sich aber im Italienischen "dƷet'ta:re" (dschettare) aus. Mit einem stummen "h" dagegen wird es wieder zu einem harten "g" - wie auch im Wort Spaghetti. Und so hat sich diese Schreibweise mit der Zeit durchgesetzt.




Das römische Ghetto, das in nur wenigen Minuten zu Fuß vom Markt Campo de' fiori aus zu erreichen ist,  zeigt sich gerade seit einigen Jahren wieder als ein sehr lebendiges Viertel, mit vielen koscheren Restaurants, Cafés und Imbissen.




Neben römisch-jüdischer Küche werden hier auch Spezialitäten des Nahen Ostens angeboten. Im Sommer waren wir mit einem sehr guten alten Schulfreund und dessen Familie, die streng nach den koscheren Speisevorschriften leben, in einem Restaurant, in dem ich Hummus und exzellente Falafel bestellt habe,








Die Große Synagoge von Rom, nahe der Tiberinsel gelegen, wurde Anfang des vergangenen Jahrhunderts errichtet. Hier befindet sich auch in jüdisches Museum.




"Stolpersteine" vor Hauseingängen - die ersten wurden im Jahr 2010 verlegt - erinnern an das schreckliche Schicksal vieler ehemaliger Bewohner des Ghetto. Oft bücke ich mich und lese die Namen der Opfer, darunter Babies, Kleinkinder und alte Menschen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie die Menschen aus den Haustüren gezerrt und weggebracht wurden..





Oft mache ich einen kleinen Umweg durch das Ghetto und über die Tiberinsel, wenn ich nach Trastevere gehe, da ich hier, auch wenn stets viele Touristen unterwegs sind, noch ein sehr ursprüngliches Rom vor Augen habe.
Nach dem kurzen Besuch des Ghetto am Morgen geht es über den Campo de' fiori wieder nach Hause, wo es dann endlich an die Zubereitung der Artischocken geht.
Ich hoffe, der kleine Rundgang hat Euch neue und vielleicht noch unbekannte Eindrücke von Rom gegeben.






Zutaten
(man rechnet eine Artischocke pro Person)

Artischocken (wenn möglich die Sorte "Romanesco")
hoch erhitzbares Pflanzenöl
Saft einer Zitrone
Salz, frisch gemahlener Pfeffer
etwas Weißwein oder Wasser

Wer das Putzen und Zurechtschneiden der Artischocken selbst erledigen möchte, findet beim meinem Rezept für die Carciofi alla Romana eine kleine Anleitung dazu. Die Artischocken unbedingt bis zur weiteren Verarbeitung in Zitronenwasser aufbewahren.
Öl in einen Topf gießen, bis die Flüssigkeit, wenn man einen Esslöffel in das Öl stellt, zwei Drittel der Löffelfläche einnimmt. Das Öl erhitzen.
Die Artischocken aus dem Zitronenwasser nehmen und trockentupfen. Nun die Artischocken vorsichtig ein paar Mal auf der Arbeitsfläche aufklopfen. Alternativ kann man jeweils zwei Artischocken gegeneinanderschlagen. Die Blätter sollen sich auf diese Weise etwas lockern.



Die Artischocken in das heiße Öl geben und ab und an wenden. Die erste Frittierrunde ist abgeschlossen, wenn die Stielenden sich leicht mit einer Gabel durchstechen lassen. (Längere Stiele abschneiden und mit ins Öl geben. An diesen dann die Garprobe durchführen.)
Artischocken mit einer Schaumkelle herausnehmen und auf einen mit Küchenpapier ausgelegten Teller setzen. Abkühlen lassen.
Wenn man sie wieder anfassen kann, die Blätter der Artischocke vorsichtig mit den Fingern auseinanderdrücken. Artischocken von allen Seiten salzen und pfeffern.




Das Öl erneut erhitzen und die Artischocken mit dem Stiel nach oben in das Öl geben. Eventuell mit einer Gabel nach unten drücken. Während dieses zweiten Frittiervorgangs die Artischocken mit einer Gabel kurz aus dem Öl heben und mit ein paar Tropfen kaltem Weißwein oder kaltem Wasser bespritzen und dann wieder ins Öl legen und knusprig ausbraten.
Die Blätter sollten nun braun und knusprig sein, das Herz noch weich.




Questi sono i carciofi alla guidia
dal torso snello e dal sapor gustoso chiamati in romanesco "sciccheria" rasserenano il matto ed il goloso, dan lustro e vanto alla gastronomia ammansiscon la suocera più arpia
 e a pranzo,a cena in casa e all'osteria
                                                        oro croccante, amor d'ogni goloso
questi sono i carciofi alla giudia

                          (Luciano Folgore)







 (Dies sind die Artischocken auf jüdische Art
von schlankem Rumpf und schmackhaft
in römischem Dialekt "sciccheria" genannt
sie erheitern den Verrückten und den Gefräßigen
verleihen der Esskultur Glanz und Ruhm
besänftigen die garstigste aller Schwiegermütter
und zum Mittagessen, zum Abendessen, zu Hause oder in der Osteria
  knuspriges Gold, Liebling eines jeden Verfressenen
dies sind die Artischocken auf jüdische Art)

Gedicht entnommen aus: Livio Jannattoni, La cucina Romana e del Lazio, volume secondo, Newton & Compton editori, 2003 

* mit Erlaubnis der Veröffentlichung im Blog

♥♥♥
Un abbraccio
Ariane

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